Nehmen wir an Telegram …

… wäre ein so genannter “rechtsfreier Raum”, dann ist es offenbar im “besten Deutschland aller Zeiten” nur noch möglich, im “rechtsfreien Raum” unzensierte Debatten zu führen.

Dabei kommt viel Unsinn bei rum – ich verzichte auf die Nennung von Beispielen. Es ist aber das Zeichen eines kritischen Geistes, nicht jeden Bullshit aufzusaugen und für die Wahrheit zu halten. Genau wie in den offiziellen Medien auch muss man zwischen den Zeilen, Absätzen und Artikeln auf Telegram die Spuren von wirklichkeitsgetreuer Wahrheit suchen – ein zermürbendes Geschäft. Zwischen den offiziellen RKI-Inzidenzzahlen und den Trumpverehrern und QAnons passt kaum ein Blatt Papier, beides ziemlich dürftig an Wahrheitsgehalt. Und die Schwurbler (Totschlagwort 2020/2021) sitzen halt nicht nur bei Telegram rum, sondern leider auch in höchst exponierter Position innerhalb unserer Gesellschaft.

Allein eins macht mir Sorgen: der “Schwurbler” bei Telegram stürzt keine Gesellschaft in den Ruin, sondern findet nur unter ähnlich gepolten Menschen Anhängerschaft. Der in der Gesellschaft gut integrierte, höchst exponierte Funktionär, Amtsträger oder Abgeordnete dagegen, der mit genauso unhaltbaren Theorien daherkommt, landet in den Medien und alle Welt lauscht zu. Egal wieviel Unsinn dabei rumkommt: es wird als die “Wahrheit” deklariert werden. Als ob die Rechtsstaatlichkeit der Bundesrepublik in Deutschland auf einmal ernsthaft diskutiert würde im ARD sozusagen.

Im Grunde ist es so: wer noch frei debattieren möchte ohne direkt in irgendeine Ecke gestellt zu werden oder seinen Job zu riskieren, hat in der Öffentlichkeit keine Möglichkeit mehr dazu. Was bleibt, sind private Räume mit eingeweihten Gästen oder eben Telegram für die größere Reichweite. Das ist eigentlich unnötig in einer demokratischen und meinungspluralistischen Gesellschaft, aber die haben wir halt nicht mehr, wenn es eine “öffentliche Meinung”  braucht, “alternativlose Regierungen” ohne rote Linien sich die Hand geben und jeder, der sich außerhalb der “political correctness” bzw. des Meinungskorridors (Narrativ) bewegt, direkt bei Rechtsextremen verortet wird. Um die Meinungsfreiheit ist es genauso bestellt wie um die Freiwilligkeit der Impfung: wer nicht so tut wie die Regierung verlangt, muss mit Repressionen rechnen.

Nun wird hier politisch und medial der komplette Messengerdienst und deren Nutzer unter Generalverdacht gestellt und direkt als Terroristen gebrandmarkt. Dieser Fakt allein zeigt auf, in welch politischer Situation wir uns mittlerweile befinden.

Verbreitung von faschistischer Propaganda?

Die Verbreitung von faschistischer Propaganda benötigt zunächst immer erstmal materielle Unterstützung; es sind also Leute und Verbände, die über Kapital oder Öffentlichkeit verfügen und damit die entsprechende Macht haben, welche man zum Aufbau faschistischer Strukturen und Herstellung von Aufmerksamkeit benötigt, von denen solche Bewegungen initiiert werden – nicht ein paar bekloppte Youtuber und erst recht keine Chat-App.

Trotzdem wird allgemein so getan, als entstünden sie durch von der bürgerlichen Norm abweichenden Kleingruppen, und nicht von dieser Norm selbst.

Wenn man also nach wirklich handfesten Ursachen für die Entstehung solcher Wahngebilde, Ideologien, Gruppen, wie sie sich jetzt etwa auch auf Telegram manifestieren, sucht, sollte man diese, will man redlich sein, nicht in Kommunikationsplattformen suchen, sondern in der Art und Weise, wie die Menschen in das Markt- und Konkurrenzgeschehen heute hinein vergesellschaftet werden.

Dafür müssten sich aber die Marktschreier des Kapitals und seiner Medien mal an die eigene Nase fassen. Das tun sie aber nicht, und das hat eine lange Tradition und dient einer Agenda.

Kritisches Netzwerk

Ingo Trost

Ingo Trost (*31. Mai 1974 ursprünglich aus Arnsberg) ist ein deutscher freiberuflicher Journalist und Inhaber Kritisches Netzwerk und K-Networld.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: