Die ersten Kliniken bangen um Mitarbeiter

In ersten Kliniken und Pflegeheimen kündigen ungeimpfte Mitarbeiter. Das verschärft die ohnehin angespannte Personallage. Wie eine mögliche allgemeine Impfpflicht in anderen Branchen gesehen wird.

Die ersten Kündigungen hat die Klinikleitung schon auf dem Tisch. Im Universitätsklinikum im hessischen Hanau befürchtet man, dass drei bis fünf Prozent der Angestellten den Job wechseln werden – wegen der Corona-Impfpflicht, die im Gesundheitswesen in sechs Wochen gelten wird.

Schon jetzt sei die Personalsituation in einigen Bereichen angespannt, erklärt eine Sprecherin. „Durch die Impfpflicht könnte sich die Lage bereichsspezifisch deutlich verschärfen.“

Wie in Hanau klagen erste Kliniken und Pflegeeinrichtungen in ganz Deutschland über Kündigungen, die mit der Impfpflicht im Gesundheitswesen zusammenhängen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage des Handelsblatts unter Betreibern und Berufsverbänden.

Die einrichtungsbezogene Impfpflicht sieht vor, dass Beschäftigte in Arztpraxen, Kliniken oder Pflegeheimen bis zum 15. März nachweisen müssen, dass sie geimpft oder genesen sind – oder ein Attest einreichen müssen, das bescheinigt, dass sie nicht geimpft werden können.

Durch die Impfpflicht wird sich die ohnehin angespannte Personalsituation im deutschen Gesundheitswesen weiter verschärfen: Allein in der Pflege fehlen bereits jetzt 200.000 Beschäftigte. „Die Personaldecken sind so dünn, dass jede weitere Lücke, die entsteht, nicht geschlossen werden kann“, teilt der Deutsche Pflegerat mit. Von der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) heißt es, dass es „an einzelnen Standorten zu Problemen kommen kann“.

Was die Gesundheitsbranche schon jetzt erlebt, könnte bald der gesamten Wirtschaft drohen, falls die Politik eine allgemeine Impfpflicht beschließt.

Im Gesundheitswesen sind die Sorgen schon jetzt groß: Der Deutsche Evangelische Verband für Altenarbeit und Pflege (Devap), der die diakonischen Einrichtungen vertritt, teilt mit: „Es liegen bereits vereinzelt Kündigungen vor“, weitere würden erwartet. Die Caritas, die in katholischer Trägerschaft Pflegeheime betreibt, berichtet von ersten Beschäftigten, die in den Einzelhandel wechselten. Die Impfpflicht werde „große Lücken reißen und mancherorts die Versorgung gefährden“.

Die Auswirkungen sind regional und nach Größe der Einrichtungen unterschiedlich: Während das Uniklinikum in Dresden schon Abgänge verzeichnet hat, vermelden die Betreiber in München und Dortmund keine größeren Fluktuationen. Allerdings: In München etwa fehlen bereits derzeit rund 200 Fachkräfte.

Unterschiede bei den Klinikbetreibern

Auch die im Dax notierten Fresenius-Kliniken sowie die Asklepios-Kliniken sehen bislang keine Auffälligkeiten. Von letzeren heißt es: „Die Erfahrungen anderer Länder, in denen die berufsbedingte Impfpflicht schon länger gilt, haben gezeigt, dass die Kündigungsquote äußerst gering war.“ Die Berliner Charité verzeichnet gar einen Zuwachs an Pflegekräften.

Gerade in Ostdeutschland und Teilen von Süddeutschland könnte die Patientenversorgung gefährdet sein: Der evangelische Verband Devap sieht im Westen eine Impfquote von 84 Prozent, im Osten liegt sie nur bei 55 Prozent. Die Caritas stellt fest, dass die Impfquoten in ostdeutschen Bundesländern und in Teilen Bayerns und Baden-Württembergs unter 70 Prozent liegen.

Bundesweit sind 92 Prozent der Beschäftigten in Krankenhäusern vollständig geimpft, zeigten Zahlen des Robert Koch-Instituts von Anfang Januar. Vier Prozent waren danach zu Jahresbeginn noch komplett ungeimpft. Und auch hier wieder sehr unzureichende Datenlagen und fragwürdige Tabellen.

Diese vermeintlich kleine Zahl hat große Auswirkungen: Selbst bei Krankenhäusern mit einer Impfquote von mehr als 95 Prozent rechnen 42 Prozent der Betreiber mit Personalengpässen, zeigen Zahlen der Krankenhausgesellschaft DKG. Das belege, „wie sehr schon relativ geringe Fluktuationen zu Problemen bei der Patientenversorgung führen können“.

Der Pflegedienstbetreiber Korian, der bislang „vereinzelte“ Kündigungen erhalten hat, bemerkt seit einigen Wochen eine zunehmende Impfbereitschaft seiner Beschäftigten. Viele Unentschlossene würden allerdings noch auf den Totimpfstoff hoffen, heißt es.

Das angebliche Vakzin von Novavax soll ab dem 21. Februar geliefert werden. Dabei sollen Beschäftigte aus dem Gesundheitswesen bei der Terminvergabe priorisiert werden – und könnten so bis zum 15. März tatsächlich immunisiert sein, wenn die Zweitimpfung nach drei Wochen durchgeführt wird.

Firmen im Gesundheitswesen müssen den Gesundheitsämtern Mitte März melden, welche Beschäftigten ungeimpft sind. Die Behörden können ein Betretungsverbot aussprechen. Die Mitarbeitenden würden dann ohne Lohnfortzahlung freigestellt. Da viele Gesundheitsämter derzeit überlastet sind, ist allerdings unklar, wie schnell sie reagieren. So lange dürfen ungeimpfte Angestellte nicht gekündigt werden. In der Praxis wird es daher schwierig, Dienstpläne für die Zeit nach dem 15. März zu erstellen.

Berufsverbände und Betreiber kritisieren deshalb, dass noch längst nicht alle arbeitsrechtlichen Details geklärt sind. „Das ist zunehmend unerträglich“, heißt es vom Verband Devap. Zudem sei unklar, „für wen genau die Impfpflicht gilt“, sagte Markus Lewe, Präsident des Deutschen Städtetages, am Wochenende in einem Interview.

Nach Lesart einiger Beobachter können auch externe Dienstleister wie Reinigungskräfte oder Handwerker betroffen sein. Das würde Kliniken und Pflegeheime zusätzlich belasten. So rechnet zum Beispiel das Uniklinikum Schleswig-Holstein besonders in diesen Bereichen mit Personalausfällen.

Zur Einführung einer Impfpflicht ist die Wirtschaft und Gesellschaft mehr asls gespalten. Das Biotech-Unternehmen Qiagen spricht sich klar dafür aus. Sie könne „Menschenleben retten, Belastungen in den Krankenhäusern senken und die Auswirkungen der Pandemie auf Wirtschaft und Gesellschaft abfedern“.

Auch der Chef des Logistikspezialisten Jungheinrich, Lars Brzoska, sagt mit Verweis auf die „verheerenden“ Folgen der Pandemie: „Die Impfverweigerung eines Teils der Bevölkerung ist nicht weiter hinnehmbar.“ Der Dufthersteller Symrise sieht durch eine Impfpflicht Vorteile für den Alltag, weil die Tests von ungeimpften Beschäftigten nicht mehr täglich durchgeführt und kontrolliert werden müssten.

Die meisten befragten Unternehmen sind zurückhaltend. Es sei eine „politische Frage“, teilt etwa die Allianz mit. Ähnlich äußern sich Eon und Vonovia. BASF fordert, dass solche Maßnahmen „praktikabel an unseren Standorten umsetzbar“ sein müssten.

Auch der Arbeitgeberverband BDI warnte jüngst davor, dass die Folgen einer Impfpflicht „nicht auf Unternehmen abgewälzt“ werden dürften. Der Gesetzgeber müsste dann „schnellstmöglich auch Kontrolle und Durchsetzung klar regeln“. Genau das also, was die Gesundheitsbranche derzeit vermisst.

Kritisches Netzwerk

Ingo Trost

Ingo Trost (*31. Mai 1974 ursprünglich aus Arnsberg) ist ein deutscher freiberuflicher Journalist und Inhaber Kritisches Netzwerk und K-Networld.

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